"Der kleine César"

Online-Kommentar zur EU-VO 261/2004

Erläuterung für Praktiker/ Anleitung für Passagiere

Art. 5 - Annullierung

Definition "Annullierung"

 

Legaldefinition gem. Art. 2 Buchst. l:  Nichtdurchführung eines geplanten Fluges, für den zumindest ein Platz reserviert war.

 

 

Abgrenzung zu Verspätung gem. Art. 6:

 

Unabhängig v. der Dauer kann ein verspäteter Flug nicht als annulliert angesehen werden; EuGH, Urteil v. 19.11.2009, C-402/07 UND C-432/07. Auch eine ganz erhebliche Verspätung  - etwa von 24 Stunden oder länger - führt nicht zu einer Wertung des Fluges als annulliert.   

 

Maßgebliches Abgrenzungskriterium ist die ursprüngliche Flugplanung;  EuGH, Urteil v. 19.11.2009, C-402/07 UND C-432/07. Solange das Luftfahrtunternehmen an seiner ursprünglichen Flugplanung festhält, liegt keine Annullierung vor. Wesentliches Element für die Bestimmung d. ursprünlichen Flugplans ist die Flugroute, wie sie vom Luftfahrtunternehmen festgelegt wurde. Wird die ursprüngliche durch eine neue Flugroute geändert, also der Ausgangs- oder Zielflughafen durch einen anderen Flughafen ersetzt, hält das Luftfahrtunternehmen nicht länger an seiner ursprünglichen Flugplanung fest, sodass eine Annullierung des Fluges vorliegt.

 

Dasselbe muss für veränderte Flugzeiten gelten. Da ein Flug verspätet i.S.v. Art. 6 ist, wenn sich die tatsächliche Abflugzeit gegenüber der planmäßigen Abflugzeit verzögert (EuGH, Urteil v. 19.11.2009, C-402/07 UND C-432/07), hält das Luftfahrtunternehmen bei einer neuen planmäßigen Flugzeit gerade nicht mehr an seiner ursprünglichen Flugplanung fest. Der ursprüngliche Flugplan wird aufgegeben und durch einen neuen mit veränderten Flugzeiten ersetzt. Der Flug mithin annulliert. Daher führen selbst geringfügige Veränderungen der Flugzeiten zu den Ansprüche aus Art. 5. 

 

Zwar mag es auf dem ersten Blick unverhältnismäßig erscheinen, Fluggästen wegen lediglich geringfügiger Verlegung der Flugzeiten sämtliche Ansprüche aus Art. 5 zuzugestehen. Allerdings können auch sehr kurze zeitliche Verschiebungen für den Fluggast erhebliche Konsequenzen haben. Etwa wenn infolge der neuen Flugzeiten die Mindestumsteigezeit nicht eingehalten werden kann, die Flughäfen vorgeben. Oder weil eine geringfügige Vorverlegung d. Fluges dazu führt, dass sich der Fluggast bei pünktlicher Bahnverbindung zum Flughafen nicht rechtzeitig in vorgegebener Weise zur Abfertigung einfinden kann, wie es Art. 3 von ihm verlangt. Zudem führen geringfügige Änderungen der Flugzeiten in der Regel lediglich dazu, dass sich der Fluggast seine Flugscheinkosten gem. Art. 8 Abs. 1 Buchst. a erstatten lassen kann, während insbesondere Ausgleichszahlungen wegen der in Art. 5 Abs. 1 Buchst. c enthaltenen Karenzen ausgeschlossen sein werden. Und schließlich ist es auch interessengerecht, da es dem Luftfahrtunternehmen obliegt, nur solche Flugzeiten zu bestätigen, die es auch einhalten kann. 

 

Praxistipp: Da die Verordnung Fluggäste annullierter gegenüber denen verspäteter Flüge privilegiert, sollte bei "Verschiebungen" der Abflugzeit gründlich geprüft werden, ob sich der Abflug aus tatsächlichen Gründen verzögert (Verspätung) oder aber die Flugzeiten geändert wurden (Annullierung). 

 

 

Beispiele für Annullierung / Verspätung 

 

Zwischenlandung:

 

Eine unplanmäßige Zwischenlandung führt dann nicht dazu, dass der Flug als annulliert angesehen werden kann, wenn Abflug- und Ankunftsort mit dem Flugplan in Einklang stehen; Beschl. d. EuGH v. 05.10.2016, C-32/16. Gerichtshof begründet Entscheidung wegen Ähnlichkeit zur Verspätung insbesondere mit dem primärrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz. Wird ein Flug durch eine unplanmäßige Zwischenlandung unterbrochen und anschließend fortgesetzt, liegt lediglich eine Verspätung vor. 

 

Anders aber bei der planmäßigen Zwischenlandung, daher dem Fall, dass ein Luftfahrtunternehmen den ursprünglichen Flugplan aufgibt und durch einen mit einem zusätzlichen Stopp ändert. Etwa um weitere Passagiere aufzunehmen. Hier wird der ursprüngliche Ankunftsort nicht aus tatsächlichen Gründen später als ursprünglich geplant erreicht, sondern infolge gezielter Änderung des Flugplans. Folglich muss der Flug als annulliert angesehen werden. 

 

 

Rückkehr zum Ausgangsflughafen

 

Kehrt das Flugzeug nach dem Start zu seinem Ausgangsflughafen zurück und werden die Fluggäste auf andere Flüge umgebucht, liegt eine Annullierung vor; EuGH, Urteil v. 13.10.2011, C‑83/10. Die Ursache der Rückkehr ist für die Wertung als Annullierung irrelevant.  Entscheidend ist vielmehr, dass der Flug in Bezug auf den jeweiligen Passagier nicht fortgesetzt wird. Nichts anderes kann gelten, wenn der Flug zum Ausgangsflughafen zurückkehrt, die Fluggäste aber dort sich selbst überlassen werden, also ohne dass eine Umbuchung auf andere Flüge erfolgt oder die Maschine ihren Flug fortsetzt. 

 

Kehrt das Flugzeug hingegen zum Ausgangsflughafen zurück, startet aber später erneut zum geplanten Ziel, muss dasselbe wie für die Zwischenlandung gelten. Der Flug wird dann lediglich verspätet durchgeführt. 

 

 

Ausweichflughafen

 

Endet der Flug an einem anderen als dem geplanten Flughafen und werden die Fluggäste auf andere Flüge umgebucht oder sich selbst überlassen, ohne dass der Flug später fortgesetzt wird, liegt eine Annullierung vor. Denn damit ein Flug als durchgeführt betrachtet werden kann, reicht es nicht aus, dass das Flugzeug im Einklang mit der geplanten Flugroute gestartet ist, sondern es muss auch seinen nach dieser Flugroute vorgesehenen Bestimmungsort erreichen; EuGH, Urteil v. 13.10.2011, C‑83/10. Da die ursprüngliche geplante Flugroute wesentliches Element des Fluges ist (EuGH, Urteil v. 19.11.2009, C-402/07 UND C-432/07), muss dies auch für den Ausgangsflughafen gelten.  

 

 

Vorverlegung

 

Wird der Flug zeitlich vorverlegt, liegt Annullierung vor. Anders aber, wenn die geplante Abflugzeit unverändert bleibt und die Maschine lediglich vorher als geplant ihre Parkposition verlässt. 

 

 

Ausgleichszahlung, Abs. 1c

 

Bei Annullierung eines Fluges wird betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen grundsätzlich ein Anspruch auf Ausgleichsleistungen gem. Art. 7 eingeräumt.

 

 

Ausnahmen von der Ausgleichszahlung bei Annullierung

 

 

Ob und unter welchen Voraussetzungen Luftfahrtunternehmen Ausgleichsleistungen gem. Art. 7 bei Annullierung eines Fluges verweigern darf, hängt davon ab, ob und ggf. wann der Fluggast vor der planmäßigen Abflugzeit über die Annullierung seines Fluges unterrichtet wurde.

 

 

Information AB der planmäßigen Abflugzeit, i), ii), iii) 

 

Der Wortlaut legt nahe, dass die Ausgleichszahlung (unter bestimmten Voraussetzungen) nur verweigert werden darf, wenn der Fluggast VOR der planmäßigen Abflugzeit über Annullierung informiert wird. Das bedeutet praktisch, dass die Ausgleichspflicht bei Mitteilung der Annullierung AB dem Zeitpunkt der planmäßigen Abflugzeit nicht davon abhängt, ob der Fluggast Angebot einer  erhält, das es ihm ermöglicht, sein Endziel innerhalb von zwei bzw. vier Stunden (s.u.) zu erreichen. 

 

 

Information über Annullierung weniger als sieben Tage vor planmäßger Abflugzeit, iii)

 

Wird Fluggast zwischen sechs Tagen und der planmäßigen Abflugzeit über Annullierung seines Fluges informiert, hängt Pflicht zur Ausgleichszahlungen von zwei Faktoren ab, die kumulativ erfüllt sein müssen:

 

 

Abflug nicht mehr als eine Stunde vor planmäßiger Abflugzeit

 

Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht, falls Fluggast zwar Angebot für Ersatzflug erhält, dieses ihn aber zwingen würde, mehr als eine Stunde vor der planmäßigen Abflugzeit abzufliegen

 

Bsp: Planmäßige Abflugzeit 12 Uhr. Start Ersatzflug 10 Uhr. Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht.

 

 

Endziel höchstens zwei Stunden nach planmäßiger Ankunftszeit zu erreichen

 

Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht, falls Fluggast zwar Angebot für Ersatzflug erhält, dieses ihm aber nicht ermöglicht, Endziel spätestens zwei Stunden nach planmäßiger Ankunftszeit zu erreichen

 

Bsp: Planmäßige Ankunftszeit 12 Uhr. Tatsächliche Ankunftszeit 15 Uhr. Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht.

 

Erhält Fluggast gar kein Angebot einer ersatzweisen Beförderung, ist es unerheblich, wann er tatsächlich sein Endziel erreicht. Etwa in Fällen, in denen sich der Fluggast eine zeitnahe Ankunft am Endziel selbst organisiert. 

 

Die Rechtsprechung d. EuGH, wonach abweichend vom Wortlaut auch Fluggäste verspäteter Flüge eine Ausgleichszahlung beanspruchen können, sofern sie an ihrem Endziel einen Zeitverlust von wenigstens drei Stunden erleiden, kann im Umkehrschluss nicht dazu führen, dass das Luftfahrtunternehmen im Falle einer Annullierung von der Pflicht zur Ausgleichszahlung frei wird, sofern Fluggast Ersatzflug angeboten wird, der es ihm zwar nicht ermöglicht, sein Endziel innerhalb von Stunden, wohl aber aber innerhalb von drei Stunden nach seiner planmäßigen Ankunftszeit am Endziel zu erreichen; EuGH, Beschluss v. 27.06.2018, C‑130/18.

 

 

Information über Annullierung zwischen zwei Wochen und sieben Tagen vor planmäßger Abflugzeit, ii)

 

Wird Fluggast frühestens 13 Tage und spätestens sieben Tage vor der planmäßigen Abflugzeit über Annullierung seines Fluges informiert, hängt Pflicht zur Ausgleichszahlungen von zwei Faktoren ab, die kumulativ erfüllt sein müssen:

 

 

Abflug nicht mehr als zwei Stunden vor planmäßiger Abflugzeit

 

Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht, falls Fluggast zwar Angebot für Ersatzflug erhält, dieses ihn aber zwingen würde, mehr als zwei Stunden vor der planmäßigen Abflugzeit abzufliegen

 

Bsp: Planmäßige Abflugzeit 12 Uhr. Start Ersatzflug 09 Uhr. Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht.

 

 

Endziel höchstens vier Stunden nach planmäßiger Ankunftszeit zu erreichen

 

Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht, falls Fluggast zwar Angebot für Ersatzflug erhält, dieses ihm aber nicht ermöglicht, Endziel spätestens vier Stunden nach planmäßiger Ankunftszeit zu erreichen

 

Bsp: Planmäßige Ankunftszeit 12 Uhr. Tatsächliche Ankunftszeit 17 Uhr. Pflicht zur Ausgleichszahlung entfällt nicht.

 

Erhält Fluggast gar kein Angebot einer ersatzweisen Beförderung, ist es unerheblich, wann er tatsächlich sein Endziel erreicht. Etwa in Fällen, in denen sich der Fluggast eine zeitnahe Ankunft am Endziel selbst organisiert. 

 

 

Information über Annullierung mind. zwei Wochen vor planmäßger Abflugzeit, i)

 

Wird Fluggast mindestens zwei Wochen vor der planmäßigen Abflugzeit über die Annullierung seines Fluges informiert, entfällt die Pflicht zur Ausgleichszahlung. Regelung bezieht sich nach eindeutigem Wortlaut ausschließlich auf die Pflicht zur Ausgleichszahlung. Pflicht zur Unterstützung und Betreuung gem. Art. 8 und Art. 9 ist vom Zeitpunkt der Information über die Annullierung unberührt. 

 

Bsp.: Luftfahrtunternehmen informiert Fluggast halbe Jahr vor geplanter Durchführung über Annullierung. Sie braucht zwar unter keinen Umständen Ausgleichszahlungen zu leisten, ist aber insbesondere nicht von Pflicht befreit, betroffenen Fluggästen Flugscheinkosten zu erstatten, sie ersatzweise an ihr Endziel zu befördern, ggf. zu verpflegen und unterzubringen.

 

 

Beweislast, Abs. 4

 

Beweislast dafür, ob und wann der Fluggast über die Annullierung des Fluges unterrichtet wurde, trägt das ausführende Luftfahrtunternehmen.

 

 

Reisevermittler / -veranstalter

 

 

Wird zwar der Reisevermittler vom ausführenden Luftfahrtunternehmen (rechtzeitig) informiert, diese Information von ihm aber nicht (rechtzeitig) an den Fluggast weitergereicht, darf das Luftfahrtunternehmen die Ausgleichszahlung nicht deswegen verweigern; Urt. d. EuGH v. 11.05.2017, C-302/16. Muss entsprechend für den Reiseveranstalter gelten. Entscheidend ist, dass und wann der Fluggast die Information erhält. Anders nur, falls der Fluggast den (rechtzeitigen) Zugang der Information vereitelt hat.

 

 

Außergewöhnliche Umstände, Abs. 3

 

Definition

 

Außergewöhnliche Umstände (AU) sind

 

Vorkommnisse, die (kumulativ)

 

erstens ihrer Natur oder Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betreffenden Luftfahrtunternehmens sind UND

 

zweitens von ihm nicht tatsächlich beherrschbar sind; EuGH, Urteil v. 26.06.2019, C-159/18

 

 

Voraussetzung, sich auf AU berufen zu können

 

Voraussetzung dafür, dass sich eine Fluggesellschaft auf einen AU berufen kann, ist, dass es bei Eintritt eines solchen Umstands die der Situation angemessenen Maßnahmen ergriffen hat, indem es alle ihm zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel eingesetzt hat, um zu vermeiden, dass dieser zur Annullierung oder zur großen Verspätung des betreffenden Fluges führt, ohne dass jedoch von ihm angesichts der Kapazitäten seines Unternehmens zum maßgeblichen Zeitpunkt nicht tragbare Opfer verlangt werden könnten; EuGH, Urteil v. 04.04.2019, C‑501/17.

 

Das kann beispielsweise bedeuten, dass ein Luftfahrtunternehmen auch an Flughäfen, auf denen keine eigenen Fluggeräte stationiert sind, Wartungsverträge schließen muss, die ihnen eine vorrangige Behandlung beim Austausch etwa beschädigter Reifen gewährleisten; EuGH, Urteil v. 04.04.2019, C‑501/17.

 

 

Keine Ausdehnung auf Unterstützungs- oder Betreuungsleistungen

 

Kann sich ein Luftfahrtunternehmen auf AU berufen, ist dieses ausschließlich von Ausgleichszahlungen befreit;  EuGH, Urteil v. 31.01.2013, C-12/11.  Unabhängig von der Art des AU oder seiner Dauer ist eine Ausdehnung d. Begriffs auf Unterstützungs- oder Betreuungsleistungen unzulässig. Selbst bei einer tagelangen Luftraumsperrung wie nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull in Island 2010 sind also etwa für Ersatzbeförderung, Unterkunft und Verpflegung zu sorgen. 

 

 

Erforderlichkeit:

 

Maßnahmen können nur dann unter den Begriff der AU fallen, wenn sie erforderlich sind. Besteht ein Luftfahrtunternehmen etwa nach einem Vogelschlag auf zusätzliche Kontrolle d. betroffenen Fluggeräts durch einen Fachmann seiner Wahl, obwohl dieses bereits von einem nach den einschlägigen Vorschriften autorisierten Fachmann kontrolliert wurde, fehlt es an der Erforderlichkeit; Urt. EuGH v. 04.05.2017, C-315/15

 

 

Mindest-Zeitreserve nach Wegfall d. außergewöhnlichen Umstandes

 

Um alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen zu haben, muss ein Luftfahrtunternehmen eine Mindest-Zeitreserve einplanen, damit außergewöhnliche Umstände, die zu einer Verspätung des Flugs führen, nicht zu einer Annullierung d. Fluges führen;  EuGH, Urteil v. 12.05.2011, C-294/10. Es muss daher eine gewisse Zeitreserve vorsehen, um den Flug insgesamt möglichst bald nach dem Wegfall der AU durchführen zu können. 

 

Eine Mindest-Zeitreserve, die für sämtliche Luftfahrtunternehmen unterschiedslos in allen Situationen des Eintritts AU gilt, ist nicht bestimmbar. Insbesondere sind die in Art. 6 Abs. 1 genannten Zeiträume  hierfür nicht heranzuziehen; EuGH, Urteil v. 12.05.2011, C-294/10. Vielmehr richten sich die einzuplanenden Reserven nach den Verhältnissen im Einzelfall. Der Umfang der geforderten Zeitreserve darf das Luftfahrtunternehmen nicht zu Opfern veranlassen, die angesichts seiner Kapazitäten zum jeweiligen Zeitpunkt nicht tragbar sind. 

 

 

Beispiele für außergewöhnliche / nicht außergewöhnliche Umstände: 

 

Technischer Defekt

 

Auftreten im laufenden Betrieb trotz ordnungsgemäßer Wartung

 

Technische Defekte am vorgesehenen Fluggerät begründen auch dann keine AU, wenn sie im laufenden Betrieb auftreten, daher außerhalb der regelmäßigen Wartung, und auch nicht auf fehlerhafter Wartung beruhen; EuGH, Urteil v. 17.09.2015, C-257/14. Das gilt auch dann, wenn die durchschnittliche Lebensdauer d. defekten Geräts nicht überschritten wurde und weder Hersteller noch eine Behörde das Luftfahrtunternehmen davor gewarnt haben, dass ab einem bestimmten Alter Mängel auftreten können. Der Umstand, dass der Defekt für das Luftfahrtunternehmen unerwartet auftritt, führt also nicht zum Vorliegen AU, da technische Defekte systembedingt beim Betrieb einer so komplexen Maschine unvermeidbar sind. Den reibungslosen Betrieb des Fluggeräts sicherzustellen, ist originäre Aufgabe des Luftfahrtunternehmens. 

 

 

Kollision mit einem Vorfeld-Fahrzeug

 

Ist der technische Defekt (oder die Untersuchung auf einen Fehler) Ergebnis einer Kollision mit einem Vorfeld-Fahrzeug (z.B. einer mobilen Flugzeugtreppe), begründet dies keine AUEuGH, Beschluss v. 14.11.2014, C‑394/14. Luftfahrtunternehmen sind regelmäßig mit Situationen konfrontiert, die sich aus dem Einsatz solcher Vorfeld-Fahrzeuge ergeben. Deshalb ist die Kollision eines Flugzeugs etwa mit einem Treppenfahrzeug als ein Vorkommnis anzusehen, das Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit eines Luftfahrtunternehmens ist. Unerheblich ist, ob das Luftfahrtunternehmen die Kollision selbst hätte vermeiden können. Sinngemäß muss dies auch tatsächliche oder vermutete Schäden am Fluggerät gelten, die Folgen typischen Vorfeldbetriebs sind. Etwa beim Zusammenstoß mit einem anderen Fluggerät oder durch unsachgemäßes Verladen des Gepäcks. Keine Rolle spielt weiter, ob Vorfeld-Fahrzeug von Luftfahrtunternehmen selbst betrieben oder beauftragt wird, vom Flughafenbetreiber oder einem Dritten. Die Grenze liegt dort, wo keine normalen Flughafendienstleistungen mehr vorliegen. 

 

 

Vogelschlag:

 

Grundsätzlich geeignet, AU zu begründen; Urt. EuGH v. 04.05.2017, C-315/15. Ob Fluggerät bei Kollision mit Vogel beschädigt wird, ist irrelevant. Auch die erforderliche Untersuchung auf Schäden an der Maschine fällt unter Begriff. Allerdings muss Luftfahrtunternehmen am Boden sowie am Fluggerät zumutbare Maßnahmen ergriffen haben, um Risiken eines Vogelschlags zu verringern oder gar zu beseitigen, sofern dies auf technischer und administrativer Ebene nicht originär Dritten obliegt, etwa Flughafenbetreiber oder Behörden. Auch präventiv-kontrollierende Maßnahmen gegen das Vorhandensein von Vögeln fallen hierunter. 

 

 

Kollision mit einem Fremdkörper

 

Tritt etwa nach der Kollision mit einer auf dem Rollfeld liegenden Schraube ein Reifenschaden auf, kann dies AU begründen, da sie üblicherweise nicht vermeidbar und auch nicht Teil der normalen Ausübung eines Luftfahrtunternehmens ist; EuGH, Urteil v. 04.04.2019, C‑501/17. Das Luftfahrtunternehmen muss aber (gerade bei Flugzeugteilen, die wie ein Reifen hohem Verschleiß unterliegen) beweisen, dass der Fremdkörper die einzige Ursache für den Reifenschaden war.

 

 

Sperrung des Luftraums

 

Wird der Luftraum gesperrt - etwa wegen eines Naturereignisses wie einem Vulkanausbruch - liegt ein AU vor. 

 

 

Schließung der Flughafenrollbahn

 

Wird eine Flughafenrollbahn gesperrt, z.B. wegen ausgelaufenen Treibstoffs, stellt dies AU dar, vom Luftfahrtunternehmen mit zumutbaren Maßnahmen nicht vermeiden lässt; EuGH, Urteil v. 26.06.2019, C-159/18.

 

Ausnahme: kein AU, wenn die Schließung durch ein Flugzeug desselben Luftfahrtunternehmens verursacht wurde, das diesen Flug durchgeführt hat, also z.B. bei einer anderen Maschine desselben Unternehmens Treibstoff ausgelaufen ist; EuGH, Urteil v. 26.06.2019, C-159/18.

 

 

 


Artikel 5

 

Annullierung

 

(1) Bei Annullierung eines Fluges werden den betroffenen Fluggästen

 

a) vom ausführenden Luftfahrtunternehmen Unterstützungsleistungen gemäß Artikel 8 angeboten,

 

b) vom ausführenden Luftfahrtunternehmen Unterstützungsleistungen gemäß Artikel 9 Absatz 1 Buchstabe a) und Absatz 2 angeboten und im Fall einer anderweitigen Beförderung, wenn die nach vernünftigem Ermessen zu erwartende Abflugzeit des neuen Fluges erst am Tag nach der planmäßigen Abflugzeit des annullierten Fluges liegt, Unterstützungsleistungen gemäß Artikel 9 Absatz 1 Buchstaben b) und c) angeboten und

 

c) vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistungen gemäß Artikel 7 eingeräumt, es sei denn,

 

i) sie werden über die Annullierung mindestens zwei Wochen vor der planmäßigen Abflugzeit unterrichtet, oder

 

ii) sie werden über die Annullierung in einem Zeitraum zwischen zwei Wochen und sieben Tagen vor der planmäßigen Abflugzeit unterrichtet und erhalten ein Angebot zur anderweitigen Beförderung, das es ihnen ermöglicht, nicht mehr als zwei Stunden vor der planmäßigen Abflugzeit abzufliegen und ihr Endziel höchstens vier Stunden nach der planmäßigen Ankunftszeit zu erreichen, oder

 

iii) sie werden über die Annullierung weniger als sieben Tage vor der planmäßigen Abflugzeit unterrichtet und erhalten ein Angebot zur anderweitigen Beförderung, das es ihnen ermöglicht, nicht mehr als eine Stunde vor der planmäßigen Abflugzeit abzufliegen und ihr Endziel höchstens zwei Stunden nach der planmäßigen Ankunftszeit zu erreichen.

 

(2) Wenn die Fluggäste über die Annullierung unterrichtet werden, erhalten sie Angaben zu einer möglichen anderweitigen Beförderung.

 

(3) Ein ausführendes Luftfahrtunternehmen ist nicht verpflichtet, Ausgleichszahlungen gemäß Artikel 7 zu leisten, wenn es nachweisen kann, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgeht, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären.

 

(4) Die Beweislast dafür, ob und wann der Fluggast über die Annullierung des Fluges unterrichtet wurde, trägt das ausführende Luftfahrtunternehmen.